Wertheim. Die Kinderuni Wertheim des Stadtjugendring Wertheim,
unterstützt durch die Stadtbücherei führte die Kinder am vergangenen
Freitag in die "schmutzige" Wertheimer Vergangenheit. Dr. Robert Meier,
Archivar beim Staatsarchiv Wertheim referierte zum Thema "Schmutz und
Sauberkeit in der Stadt bei den Bürgern früher und heute." Im
betrachteten Zeitraum von rund 500 Jahren habe es, so Meier, große
Unterschiede gegeben. Anhand von alten Gemälden, Plänen und Fotos
erarbeitete er mit den Kindern die Lebensverhältnisse zur damaligen
Zeit. Er begann mit einem Gemälde einer Hausszene aus dem Jahr 1570.
Neben einer Großfamilie entdeckten die Kinder allerlei Tiere im Haus.
"Alt und Jung, Mensch und Tier lebten zusammen in einem Raum",
erläuterte der Experte. Verwundert stellten die Kinder fest, dass ein
Kleinkind direkt neben dem Butterstampfer sein Geschäft in ein Töpfchen
verrichtete. "Das war ganz normal", berichtete der Referent.
Zusammenfassend beschrieb er die Lebenssituation mit dem Satz: "Es war
laut und hat stark gerochen." Den Inhalt des Töpfchens habe man auf dem
Misthaufen oder in einer Grube neben dem Haus entsorgt, denn es habe
keine Kanalisation gegeben. Folge sei ein massiver Gestank gewesen. Für
die großen Bewohner habe es in dieser Zeit Klohstühle mit einem Topf
gegeben. "Manchmal hatte man auch eine gemeinsamen Donnerbalken über
einer Grube auf dem alle Bewohner eines Hauses saßen." Die
Juniorstudenten konnten sich nicht vorstellen so auf die Toilette zu
gehen. Die anfallenden Misthaufen hätten zwar übel gerochen, "sie waren
aber auch ein guter Dünger", ergänzte der Archivar. Nachttöpfe hätten
die Bewohner auch einfach aus dem Fenster gekippt. "Die Leute
beschwerten sich zwar darüber, dennoch kam das bis in die 1920er Jahre
vor." Normal sei es auch gewesen in der Öffentlichkeit zu pinkeln.
Ausführlich betrachtet wurde der Grundrissplan aus eines Haus auf dem
Marktplatz aus dem Jahr 1565. Der Plan entstand für einen Rechtsstreit
zwischen Nachbarn. Der Hausbesitzer wollte in seinem Haus, an der Wand
zum Nachbarhaus, eine Toilette einbauen lassen. Die Nachbarn gingen
dagegen vor, da sie die Geruchsbelästigung fürchteten. Außerdem
befürchteten sie, dass die zugehörige Grube bei Hochwasser überflutet
und die Fäkalien in ihr Haus gespült würden. In zweiter Instanz habe
schließlich der Hausbesitzer gesiegt, stellte Meier fest, unter der
Auflage die Grube tief genug zu bauen. Begründung der Richter sei auch
gewiesen, dass bereits andere Häuser auf dem Marktplatz über solch eine
Toilette verfügten. "Die Gruben lehrte man, in dem man den Inhalt in
eine Bude schippte und sie auf den Kompost oder in den Main kippte.
"Diese Aufgabe übernahm bei den Fürsten der Scharfrichter, also der
Henker der Stadt." Auch eine Wasserleitung habe es damals noch nicht
gegeben. "Die Häuser hatten Brunnen mit zehn bis 15 Meter tiefe", so
Meier. Bei Hochwasser sei der ganze Dreck in sie gelaufen und man habe
sie lange nicht benutzen können. Später entstanden öffentliche
Badestuben in der Rittergasse und der "Oberen Eichelgasse". In ihnen
konnten sich die Menschen Baden, sich die Haare schneiden und sich
rasieren lassen. Der Bader sei aber auch für die Gesundheit zuständig
gewesen. So sei die Schröpftherapie zum Einsatz gekommen, bei der durch
Vakuumgläser kleine Blutmengen abgezapft wurden. "Man glaubte im
menschlichen Körper gab es vier Säfte Blut, Schleim, rote und schwarze
Galle. Ein Mensch galt als gesund, wenn diese Säfte im Gleichgewicht
sind." Um dies zu erreichen, habe man Blut abgezapft, durch das damalige
Schröpfen oder durch Blutegel. "Auch die Landbevölkerung ging einmal
jährlich in die Badestuben nach Wertheim. Das war auch ein geselliges
Ereignis." Mit den Badestuben ging es gegen 1600 zu Ende, da sie als
Übertragungsorte der Pest galten. Häuser mit Pestpatienten habe man
unter Quarantäne gestellt. "Das funktionierte meist aber nur schlecht,
da man kranke Angehörige versteckte", erklärte Meier. Die Menschen
hätten auch geglaubt, die Pest übertrage sich durch schlechte Luft. Ein
angebliches Mittel dagegen duften die Kinder während des Vortrags
ausprobieren. Sie zündeten Kohle an und legten Kräuter darauf. "Früher
räucherte man Häusern in denen Pestkranke starben mit Wacholder und
Rosmarin aus", so der Archivar. Das habe natürlich nichts genutzt, aber
die Leute hätten die Zusammenhänge nicht gekannt. Wie ein Teilnehmer
richtig erklärte, sei der Überträger der Krankheit der Rattenfloh, so
konnte die Methode nichts bringen. Auch ein Pestmandat des Würzburger
Bischof aus dem Jahr 1620 und ein Regelwerk der Löwensteiner Grafen von
Wertheim zwischen 1600 und 1610 mit Verhaltensregeln zum Thema Pest
stellte Meier vor. Dabei versuchten sich die Kinder im entschlüsseln der
alten Schrift.
Im 17. Jahrhundert habe man geglaubt Haut lässt Wasser durch und die
Körpersäfte geraten durcheinander. "Daraus schloss man, vom Waschen mit
Wasser wird man krank." Die Leuten hätten sich in dieser Zeit mit
trockenen Tüchern abgewischt. Es habe sogar Anleitungen für Kinder
gegeben, die vor dem Wachen mit Wasser warnten. "Sauberkeit kam damals
durch das wechseln der Kleidung." Im 19. Jahrhundert habe man zwar
wieder mehr gebadet, es habe aber noch immer keine Wasserleitung und
keine Kanalisation gegeben. 1890 sei das erste Schwimmbad im Main
entstanden, 1908 das Volksbad mit Duschbädern in der Bismarckstraße,
denn die Häuser hätten keine Badezimmer gehabt. 1895 verlegte man ein
Rohr vom Zolltor aus in den Main, in das die Menschen ihre Buden
kippten. Später sei die Verlegung der Kanalisation gefolgt. "1886 gab es
die erste Frischwasserleitung in der Stadt.", berichte Meier abschließend.
