Freitag, 28. November 2014

Kinderuni: Dr. Robert Meier referiert zum Thema: "Misthaufen, Klos und Badestuben: Schmutz und Sauberkeit im alten Wertheim"

Wertheim. Die Kinderuni Wertheim des Stadtjugendring Wertheim,

unterstützt durch die Stadtbücherei führte die Kinder am vergangenen

Freitag in die "schmutzige" Wertheimer Vergangenheit. Dr. Robert Meier,

Archivar beim Staatsarchiv Wertheim referierte zum Thema "Schmutz und

Sauberkeit in der Stadt bei den Bürgern früher und heute." Im

betrachteten Zeitraum von rund 500 Jahren habe es, so Meier, große

Unterschiede gegeben. Anhand von alten Gemälden, Plänen und Fotos

erarbeitete er mit den Kindern die Lebensverhältnisse zur damaligen

Zeit. Er begann mit einem Gemälde einer Hausszene aus dem Jahr 1570.

Neben einer Großfamilie entdeckten die Kinder allerlei Tiere im Haus.

"Alt und Jung, Mensch und Tier lebten zusammen in einem Raum",

erläuterte der Experte. Verwundert stellten die Kinder fest, dass ein

Kleinkind direkt neben dem Butterstampfer sein Geschäft in ein Töpfchen

verrichtete. "Das war ganz normal", berichtete der Referent.

Zusammenfassend beschrieb er die Lebenssituation mit dem Satz: "Es war

laut und hat stark gerochen." Den Inhalt des Töpfchens habe man auf dem

Misthaufen oder in einer Grube neben dem Haus entsorgt, denn es habe

keine Kanalisation gegeben. Folge sei ein massiver Gestank gewesen. Für

die großen Bewohner habe es in dieser Zeit Klohstühle mit einem Topf

gegeben. "Manchmal hatte man auch eine gemeinsamen Donnerbalken über

einer Grube auf dem alle Bewohner eines Hauses saßen." Die

Juniorstudenten konnten sich nicht vorstellen so auf die Toilette zu

gehen. Die anfallenden Misthaufen hätten zwar übel gerochen, "sie waren

aber auch ein guter Dünger", ergänzte der Archivar. Nachttöpfe hätten

die Bewohner auch einfach aus dem Fenster gekippt. "Die Leute

beschwerten sich zwar darüber, dennoch kam das bis in die 1920er Jahre

vor." Normal sei es auch gewesen in der Öffentlichkeit zu pinkeln.

Ausführlich betrachtet wurde der Grundrissplan aus eines Haus auf dem

Marktplatz aus dem Jahr 1565. Der Plan entstand für einen Rechtsstreit

zwischen Nachbarn. Der Hausbesitzer wollte in seinem Haus, an der Wand

zum Nachbarhaus, eine Toilette einbauen lassen. Die Nachbarn gingen

dagegen vor, da sie die Geruchsbelästigung fürchteten. Außerdem

befürchteten sie, dass die zugehörige Grube bei Hochwasser überflutet

und die Fäkalien in ihr Haus gespült würden. In zweiter Instanz habe

schließlich der Hausbesitzer gesiegt, stellte Meier fest, unter der

Auflage die Grube tief genug zu bauen. Begründung der Richter sei auch

gewiesen, dass bereits andere Häuser auf dem Marktplatz über solch eine

Toilette verfügten. "Die Gruben lehrte man, in dem man den Inhalt in

eine Bude schippte und sie auf den Kompost oder in den Main kippte.

"Diese Aufgabe übernahm bei den Fürsten der Scharfrichter, also der

Henker der Stadt." Auch eine Wasserleitung habe es damals noch nicht

gegeben. "Die Häuser hatten Brunnen mit zehn bis 15 Meter tiefe", so

Meier. Bei Hochwasser sei der ganze Dreck in sie gelaufen und man habe

sie lange nicht benutzen können. Später entstanden öffentliche

Badestuben in der Rittergasse und der "Oberen Eichelgasse". In ihnen

konnten sich die Menschen Baden, sich die Haare schneiden und sich

rasieren lassen. Der Bader sei aber auch für die Gesundheit zuständig

gewesen. So sei die Schröpftherapie zum Einsatz gekommen, bei der durch

Vakuumgläser kleine Blutmengen abgezapft wurden. "Man glaubte im

menschlichen Körper gab es vier Säfte Blut, Schleim, rote und schwarze

Galle. Ein Mensch galt als gesund, wenn diese Säfte im Gleichgewicht

sind." Um dies zu erreichen, habe man Blut abgezapft, durch das damalige

Schröpfen oder durch Blutegel. "Auch die Landbevölkerung ging einmal

jährlich in die Badestuben nach Wertheim. Das war auch ein geselliges

Ereignis." Mit den Badestuben ging es gegen 1600 zu Ende, da sie als

Übertragungsorte der Pest galten. Häuser mit Pestpatienten habe man

unter Quarantäne gestellt. "Das funktionierte meist aber nur schlecht,

da man kranke Angehörige versteckte", erklärte Meier. Die Menschen

hätten auch geglaubt, die Pest übertrage sich durch schlechte Luft. Ein

angebliches Mittel dagegen duften die Kinder während des Vortrags

ausprobieren. Sie zündeten Kohle an und legten Kräuter darauf. "Früher

räucherte man Häusern in denen Pestkranke starben mit Wacholder und

Rosmarin aus", so der Archivar. Das habe natürlich nichts genutzt, aber

die Leute hätten die Zusammenhänge nicht gekannt. Wie ein Teilnehmer

richtig erklärte, sei der Überträger der Krankheit der Rattenfloh, so

konnte die Methode nichts bringen. Auch ein Pestmandat des Würzburger

Bischof aus dem Jahr 1620 und ein Regelwerk der Löwensteiner Grafen von

Wertheim zwischen 1600 und 1610 mit Verhaltensregeln zum Thema Pest

stellte Meier vor. Dabei versuchten sich die Kinder im entschlüsseln der

alten Schrift.

Im 17. Jahrhundert habe man geglaubt Haut lässt Wasser durch und die

Körpersäfte geraten durcheinander. "Daraus schloss man, vom Waschen mit

Wasser wird man krank." Die Leuten hätten sich in dieser Zeit mit

trockenen Tüchern abgewischt. Es habe sogar Anleitungen für Kinder

gegeben, die vor dem Wachen mit Wasser warnten. "Sauberkeit kam damals

durch das wechseln der Kleidung." Im 19. Jahrhundert habe man zwar

wieder mehr gebadet, es habe aber noch immer keine Wasserleitung und

keine Kanalisation gegeben. 1890 sei das erste Schwimmbad im Main

entstanden, 1908 das Volksbad mit Duschbädern in der Bismarckstraße,

denn die Häuser hätten keine Badezimmer gehabt. 1895 verlegte man ein

Rohr vom Zolltor aus in den Main, in das die Menschen ihre Buden

kippten. Später sei die Verlegung der Kanalisation gefolgt. "1886 gab es

die erste Frischwasserleitung in der Stadt.", berichte Meier abschließend.