Wertheim. Einblicke in einen besonderen Alltag erhielten rund 20 Kinder zwischen sieben und zehn Jahren im Rahmen der Forscherferien des Stadtjugendring Wertheim. Während der Aktion im Tanzraum des Haus der Jugend und Vereine erfuhren sie wie Blinde und Sehbehinderte ihren Alltag auch ohne Sehsinn meistern können. Als Workshopleiterin konnte man Carolin Mischke gewinnen. Die dreißigjährige Diplompädagogin aus Lauda ist selber blind, Mutter einer zweijährigen Tochter und leitet die Beratungsstelle für Menschen mit Sehverlust in Lauda-Könighofen. „Blind heißt nicht gleich alles ist schwarz“, erklärte die Expertin einleitend. Als gesetzlich blind gelte wer weniger als zwei Prozent Restsehfähigkeit habe. „Wenn euch der Augenarzt die Tafel mit den Zahlen ganz nah vors Gesicht hält und ihr die größte Zahl nicht mehr lesen könnt, dann entspricht das dieser Sehschwäche.“ Die erste Vorstellungsrunde ergab, dass die Teilnehmer bisher noch keinen persönlichen Kontakt zu blinden Mitmenschen hatten. „Ihr kennt aber bestimmt Menschen die schlecht sehen, denkt mal an eure Oma oder Uroma“, merkte Mischke an. Dennoch hatten die jungen Forscher viele Fragen. So wollten sie unter anderem Wissen wie die Pädagogin den Alltag mit ihrem sehenden Kind und ihren Haushalt meistert. Daraufhin erklärte sie ihnen viele ihrer Tricks. So gibt es eine sprechende Küchenwaage und ein „Einkaufsfuchs“ der den Barcode eines Produkts scannt und dann das Produkt ansagt, so dass der Nutzer die Päckchen unterscheiden kann. Andere wollten wissen wie sich Blinde im Straßenverkehr bewegen und einkaufen gehen können.
„Zum einen hilft mir dabei mein Blindenstock“, erklärte sie, „Ich gehe auch gerne alleine Einkaufen. Manchmal suche ich mir auch jemanden der mir hilft im Laden ein Produkt zu finden, das können auch andere Kunden sein.“ Besprochen wurde auch, dass man Geldscheine anhand der Größe unterscheiden kann. „In fremden Gebäuden muss ich mich erst Mal orientieren“, erklärte sie. Dabei helfen ihr Hand und Blindenstock. Orte die ihr Vertraut sind, sind hingegen kein Problem. „Das ist wie wenn du nachts im dunklen auf Toilette gehst, das kannst du auch“. Nachdem Mischke mit dem Zug angereist war, besprach sie Kinder auch das spezielle, fühlbare Leitlinien auf dem Boden der Bahnsteige die eine Orientierung ermöglichen. Ein großes Thema waren auch Spielmöglichkeiten, so gebe es spezielle Brettspiele und Kartenspiele für Blinde die sich durch Blindenschrift und spezielle Figuren auszeichnen. Erstaunt waren die Kinder auch, dass es sogar eine Fußballnationalmannschaft für Blindenfußball und viele olympische Sportarten für Blinde gibt.
„Wie kannst du deinem Kind denn später beim schreiben lernen helfen“, war eine weitere Frage. Mischke erklärte dass Blinde neben der speziellen Brailleschrift auch normale Buchstaben lernen, sie müssen schließlich auch unterschreiben können.Es gibt sogar eine spezielle Notenschrift für Blinde, doch die meisten blinden Musiker lernen die Musikstücke nach Gehör. An verschiedenen Stationen konnten die Kinder, dann ihren Fühl- und Geruchssinn testen, außerdem erfuhren sie durch Simulationsbrillen wie sich Sehverlust auswirkt. Zusätzlich stellte Mischke verschiedene Hilfsmittel wie sprechende Uhren, eine elektronische Braillezeile und eine Brailleschreibmaschine vor. Auf dieser schrieb Mischke für jedes Kind dessen Namen in Blindenschrift.
Die Kinder testen selbst aus, wie man Getränke einschenkt ohne den Becher zu sehen und blind eine Brezel isst. Auch das Orientieren mit dem Blindenstock wurde geübt. „Ich habe mich dabei unsicher gefühlt, da ich nicht wusste wo ich im Raum war“, berichte die zehnjährige Magdalena Heppeler über ihre Erfahrung. Die Pädagogin erklärte, dass ein Anfänger am Blindenstock ein Training von 40 bis 60 Stunden absolvieren muss. Für die zusehenden Kindern war es ungewohnt, wenn der Blindenstock an ihre Schuh stieß. Hier soll man den Menschen ruhig ansprechen, erklärte Mischke. „Man kann ihm auch seine Hilfe anbieten, darf aber nicht beleidigt sein wenn er sie ablehnt.“
Die Kinder erfuhren auch, wie die einzelnen Buchstaben der Brailleschrift durch Punkte dargestellt werden. Jedem Buchstaben wird dabei durch verschiedene Punktkombinationen dargestellt. Am Ende hatten die Kinder viel neues erfahren und fühlten sich, nach eigenem bekunden, viel sicher im Umgang mit bilden und sehbehinderten Menschen.



